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Hier die ersten Bilder des Testlaufs des Projekts "Zeichen setzen", zum 30jährigen Jubiläums der Wiedereinweihung der Apostelkirche.
Eingestellt am: 13.04.2012
Gottesdienste
20.05.12 10:00 Uhr: Familienkirche, Pastorin Casonato
20.05.12 10:00 Uhr: Gottesdienst mit Abendmahl (Traubensaft), Pastorin Wisbareit
jede Woche aktuell: Musik im Gottesdienst und das nächste Konzert der Kirchenmusik
Apostelandacht zu Dorothee Sölle am So., d. 22. November 2009, Apostelkirche
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Über Dorothee Sölle
Dorothee Nipperdey wird am 30. September 1929 geboren. Sie ist das vierte von insgesamt fünf Kindern. Der Vater ist Professor für Arbeitsrecht und später Präsident des Arbeitsgerichtshofes. Die Mutter ist der Mittelpunkt der Familie. Sie hatte jung geheiratet und deswegen ihren Wunsch nach Ausbildung und Beruf aufgeben müssen. Dorothee wird später beschließen, dass ihr das nicht passieren wird. Sie wächst also in Köln in einer bildungsbürgerlichen, wertkonservativen Atmosphäre auf. Der Vater ist kein Nazi, hat sich aber mit den Machthabern des „Dritten Reichs“ arrangiert. Erst im November 1945 erfährt sie, dass ihr Vater eine jüdische Großmutter hatte. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Neulich erfuhr ich durch Zufall, Papi ist Vierteljude, politisch verfolgt. Ich war entsetzt, zuerst, es machte mir so Minderwertigkeitsgefühle, ich bin doch zu ‚naziverseucht’ und sehe im Nichtarischen das Unreine, Mindere.“ Dieses Erschrecken über ihre jugendliche Blindheit ist der Ausgangspunkt für einen lebenslangen Prozess einer persönlichen „Wiedergutmachung, geboren aus einem tiefen Gefühl der Scham“, wie sie schreibt. Halt findet sie erst einmal bei den Werken des Philosophen Heidegger. Seinen Satz „Dasein ist das Hineingehaltensein in das Nichts“ schreibt sie auf einen Zettel, der jahrelang auf ihrem Schreibtisch liegt. Auch Sartres Existenzphilosophie beeindruckt sie tief. Der christliche Glaube erscheint der jungen Dorothee zunächst als „ein unerlaubter Ausweg aus dem auszuhaltenden Dunkel“. Bis eine junge Lehrerin kommt. Sie schreibt in ihr Tagebuch: „Die neue Religionslehrerin ist umwerfend gut, leider Christ!“ Ohne sie wäre Dorothee nie zur Theologie gekommen wie sie schreibt. Neben Sartre und Heidegger lernt sie durch ihre Lehrerin die Werke Luthers, Bonhoeffers und des Theologen Bultmann kennen. Sie studiert in Göttingen Theologie um, wie sie schreibt, „die Wahrheit herauszubekommen“. Auf dem Weg zur Theologie begegnet ihr das Werk Kierkegaards mit seinem existenzialistischen Christentum. Er bildet für sie die Brücke zur Theologie. In der Szene zwischen Kunst und Literatur, Religion und Politik finden Dorothee Nipperdey und der junge Maler Dieter Sölle zusammen. Was sie verbindet, seht in ihrem Tagebuch: „Wir sind zusammen Christen geworden.“ Sie verwirklichen zusammen ein romantisches Ideal von Liebe und Ehe, sie heiratet in Weiß und sie bekommen drei Kinder. An einem Kölner Mädchengymnasium unterrichtet sie Religion. Ab 1960 schreibt sie für den Rundfunk und verschiedene Zeitungen über theologische und literarische Themen – und ihre Ehe zerbricht, was für sie zunächst das Ende eines Lebensentwurfs bedeutet. Sie ist arbeitet jetzt freiberuflich, ist zeitweise Assistentin an der TU Aachen und im Hochschuldienst der Universität Köln. In dieser Phase ihres Lebens verfasst sie ihr erstes theologisches Buch mit dem Titel „Stellvertretung“ und dem Untertitel „Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes“. In den einleitenden Sätzen heißt es: Wer bin ich? Wie komme ich zu mir selber? Wie lebe ich so, dass ich es bin, der dieses Leben lebt? So fragt nicht nur die um sich selbst bekümmerte Subjektivität, sondern der Mensch in der Gesellschaft, die ihn bindet und formt, beschädigt und entstellt. Geblendet von den Rückschritten der Aufklärung in diesem Jahrhundert, jenem ungeheuren Rückgang in die selbstverschuldete Unmündigkeit, betroffen von den immer neuen und sich vervielfältigenden Formen der Versagung jeder möglichen Identität, geängstet von Neurosen, mit denen Zivilisation sich erkauft und nicht hält, was sie verspricht: Humanisierung – fragen wir nach einer Welt, in der es vielleicht einfacher sein möchte, mit sich identisch zu werden. Aber jede Vision einer heimatlicheren Erde muss sich messen an der größten der Visionen, die wir kennen: am Reich Gottes.“ Und später erinnert sie sich an diese Zeit: „Mich persönlich hat weder die Kirche, die ich eher als Stiefmutter erlebte, noch das geistige Abenteuer einer nachaufklärerischen Theologie zu dem lebenslangen Versuch, Gott zu denken, verlockt. Es ist das mystische Element, das mich nicht loslässt. Es ist die Gottesliebe, die ich leben, verstehen und verbreiten will.“ Wie kann man nach Auschwitz von einem Gott reden, der alles so herrlich regieret? Es bleibt die Erfahrung vom „Tode Gottes.“ Diese Erfahrung kann nur dadurch aufgehoben werden, dass Christus diese Leerstelle besetzt: Als Stellvertreter Gottes vor den Menschen und als Stellvertreter der Menschen vor Gott. Ihm folgen heißt, sich eine Lebensperspektive zu eigen zu machen, die im wesentlichen, unüberbrückbaren Konflikt zur Gesellschaft, in der wir leben, steht. Sie liest im Werk Martin Bubers, des großen jüdischen Philosophen. Er ist für sie ein Grund, nach Jerusalem zu pilgern. So fährt also Dorothee Sölle zur Jahreswende 1959/60 zum ersten Mal mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nach Israel Zum ersten Mal verbindet sich für die junge Religionslehrerin der christliche Glaube mit dem Glauben an den Gott Israels in einer eindrücklichen und sinnlichen Art und Weise. Und sie trifft Martin Buber. Das Reden von Gott, sagen jüdische Theologen, ist kein Formulieren von Lehrsystemen, sondern eine gemeinsame, spannungsreiche Suche nach der Wahrheit, die niemals völlig zu ergründen ist. Diese Sichtweise übernimmt Dorothee Sölle. 1966 wird sie zu einer Konferenz eingeladen, die von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Jerusalem veranstaltet wird. Zu den Organisatoren gehört Fulbert Steffensky, ein katholische Theologe und Benediktinermönch. In ökumenischer Eintracht suchen evangelische wie katholische Grenzgänger nach neuen Wegen und Quellen der Erkenntnis – und landen bei den gemeinsamen Wurzeln, den jüdischen Traditionen des Glaubens und der Gotteserkenntnis. Sie schreibt: „Als wir entdeckten, welche Beziehungen uns mit Buber verbanden, sagte Fulbert kurz entschlossen: ‚Dann gehen wir eben morgen zu Bubers Grab.’ Alles Weitere in meinem Leben nahm dort, in Jerusalem, seinen Anfang“. Drei Jahre später heiraten Fulbert und Dorothee. Ihre Beziehung, die in Jerusalem ihren Anfang nahm, setzt sich bald in einer gemeinsamen Aktion fort, dem „Politischen Nachtgebet“. Man kommt zu der Einsicht, dass die Beschäftigung mit theologischen Fragen auch politische Konsequenzen haben muss. Beim Katholikentag 1968 in Essen stellt man den Antrag, eine politische Gebetsliturgie zu aktuellen politischen Fragen halten zu dürfen. Das Organisationsbüro legt den Termin auf eine Zeit nach 23 Uhr. Damit ist das „politische Nachtgebet“ entstanden. „Es handelte sich dabei um politische Information, um ihre Konfrontation mit biblischen Texten, eine kurze Ansprache, Aufrufe zur Aktion und die Diskussion mit der Gemeinde. Information, Meditation und Aktion sind die Grundelemente aller folgenden Nachtgebete geblieben.“ Die Themen in den späten 60er und frühen 70er Jahren spiegeln die Umbrüche dieser Zeit wider. Es geht um den Krieg in Vietnam, die Zerschlagung des „Prager Frühlings“, um die Intervention der USA in Santo Domingo und am Ende um den faschistischen Putsch in Chile. Behandelt werden gesellschaftliche Probleme wie Frauendiskriminierung, Strafvollzug und Entwicklungshilfe. Die einzelnen Themen werden jeweils von einer Gruppe vorbereitet. Auf diese Weise entstehen Freundschaften über konfessionelle und weltanschauliche Grenzen hinweg. Die evangelischen und katholischen Kirchenleitungen sperren das Politische Nachtgebet aus den Kölner Kirchen aus. Für viele andere dagegen öffnet sich die Kirche endlich wieder der Welt und den Menschen, ihren Problemen, Sehnsüchten und Hoffnungen. Man kann nicht denken, was man nicht tut! Aus diesen Gedanken entwickelt sich zur gleichen Zeit die Theologie der Befreiung. Erst im bewussten Leben mit und für andere, in Parteilichkeit und Solidarität wird sich der Sinn des Evangeliums neu erschließen. Dorothee Sölle unterstützt in dieser Zeit Basisgruppen, hält Vorträge in Kneipen, Hinterzimmern und Gemeindehäusern fortschrittlicher Pastoren. In den Amtskirchen und Universitäten wird sie hingegen abgelehnt. Aus den Reihen bekenntnistreuer Christen schallt der Ruf: „Niedergefahren zur Sölle!“ Eine Universitätskarriere bleibt ihr verschlossen. Zu wenig kann man mit der Querdenkerin und politischen Basisaktivistin anfangen. 1972 reist sie mit einer Gruppe durch Nordvietnam, um sich ein Bild von der Lage im Land zu machen. Dorothee ist durch das, was sie sieht, tief erschüttert. Der Gekreuzigte ist in Vietnam zu finden und nicht im sakralen Abseits der Kirchen. Das wird zu einer zentralen Botschaft des Politischen Nachtgebets. Der ermordete und auferweckte Messias wird identisch mit den gefolterten Opfern der Militärdiktaturen und der Todesschwadrone, er wird aber auch zum Symbol für das Leiden und die Kraft der Schwachen. 1971 erscheint ihr zweites wichtiges Buch „Politische Theologie“, eine Auseinandersetzung mit der Theologie Rudolf Bultmanns. Er hatte ihr mit seinem Programm der Entmythologisierung während des Studiums einen wichtigen, von Vernunft bestimmten Zugang zur Bibel und Theologie ermöglicht. Am Beispiel der Schuldverstrickung der Bewohner westlicher Länder in das Elend der Arbeiter auf den Bananen- und Kaffeeplantagen in Lateinamerika will sie den personalen Begriff von Sünde in einen strukturellen Zusammenhang stellen. -Musik - Mitte der siebziger Jahre wird ihr der politische Aktionismus suspekt. Auch richtiges und notwendiges Handeln in der Welt braucht eine spirituelle Dimension. Schon immer hat sie sich für die Mystiker interessiert, jetzt werden sie ihr zunehmend wichtig. Jeder Mensch ist ein Geheimnis, das nicht in der sozialen Identität aufgeht. Liebe bedeutet nicht nur, den anderen zu entdecken, sondern den anderen in seiner unergründlichen Tiefe wahrzunehmen, eben in seinem von Gott Erkanntsein. Die Familie zieht nach Hamburg um, Fulbert Steffensky hat eine Professur für Religionspädagogik an der Universität angenommen. Im Sommer 1974 erhält sie einen Ruf an das Union Theological Seminary in New York, ein Zentrum der liberalen Theologie in den USA. Man ist dort der Überzeugung, dass die biblischen Gebote nicht nur als Anweisung für eine christliche Lebensführung des Einzelnen gedacht sind, sondern auch in soziale und politische Kategorien umgesetzt werden müssen. Zehn Jahre lang lehrt Dorothee Sölle dort jeweils im Sommersemester, im Winterhalbjahr kehrt sie zu ihrer Familie nach Hamburg zurück. Politische Schwerpunkte sind in diesen Jahren die Solidarität mit den Befreiungsbewegungen Lateinamerikas, verbunden mit der Unterstützung illegaler Einwanderer. Schließlich ist sie der Zerrissenheit ihres Lebens zwischen New York und Hamburg überdrüssig und kehrt endgültig nach Hamburg zurück. 1985 nimmt sie am Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf teil, ihre Freundin Luise Schottroff hat die offizielle Einladung gegen starke Widerstände durchgesetzt. Die beiden Frauen geben ihrer Bibelarbeit zum Kirchentagsmotto den Titel: „Die Erde gehört Gott!“ Gott ist anders, nicht nur Mann und „Herr“, er bekommt weibliche und geschwisterliche Attribute. Sie sagt: „Es gibt eine männliche Theologie, die Gott vor allem als Befehlshaber, als Allmacht, als Imperator denkt. Ich will diese Theologie den Gottesimperialismus nennen, weil ich glaube, dass sie im Bereich der Ideologie genauso funktioniert wie der Imperialismus im wirtschaftlichen und politischen Bereich, nämlich um Menschen zu unterwerfen. So ist der Fatalismus die Kehrseite des Gottesimperialismus.“ Für sie war der Feminismus Teil einer notwendigen Befreiungsbewegung, die aber nicht auf die Frauenbewegung verengt werden durfte. Sie schreibt: „Für mich ist Feminismus ein menschheitliches Unternehmen. Gott braucht alle ihre Kinder, damit sie von Furcht und Hass frei werden können und wir endlich miteinander in einen herrschaftsfreien Raum hineinwachsen.“ Frauengottesdienste mit eigenen Themen und Ritualen sind ihr wichtig, mit dem, was Frauen erleben: Schwangerschaft und Geburt, Abtreibung und Vergewaltigung. Seit Beginn der achtziger Jahre gehen in der Bundesrepublik Deutschland Hunderttausende auf die Straße, getrieben von der Sorge um Frieden und Sicherheit in Europa. Linke aller Schattierungen, Christen und Sozialisten, Ökologie- und Frauenszene gehen erstmals ein Bündnis ein. Es ist die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Dorothee Sölle nimmt an Blockadeaktionen vor US-amerikanischen Militärstützpunkten teil. Mit dem Freund Heinrich Böll und anderen Prominenten sitzt sie 1983 vor dem Stützpunkt in Mutlangen, auf dem die neuen Raketen stationiert werden sollen. Alle Blockierer werden „abgeschleppt“ und vor Gericht gestellt. Sie wird wegen Nötigung in verwerflicher Absicht zu 2000 DM Strafe verurteilt. Im Sommer 1983 wird sie als Referentin zur Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen nach Vancouver eingeladen. Sie hält dort ein Referat gegen Geld und Gewalt: “Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt, einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte, die einige von uns Deutschen noch nicht vergessen konnten; ein Land, das heute die größte Dichte von Atomwaffen in der Welt bereit hält. Ich möchte Ihnen etwas sagen über die Ängste, die in meinem wohlhabenden Land herrschen; ich spreche zu Ihnen aus Zorn, in Kritik und mit Trauer. Dieser Schmerz über mein Land, diese Reibung an meiner Gesellschaft kommt nicht aus Willkür oder weil ich sonst nichts Besseres zu tun hätte; er wächst vielmehr aus dem Glauben an das Leben der Welt, das mir in dem armen Mann aus Nazareth begegnet ist, der weder Reichtum noch Waffen besaß. Dieser arme Mann stellt uns das Leben der Welt vor Augen und weist uns auf den Grund des Lebens hin, auf Gott. Christus kam in die Welt, damit alle Menschen Leben haben und es in Fülle haben. Für rund zwei Drittel der menschlichen Familie gibt es kein Leben in seiner Fülle, weil sie in Armut, nackter ökonomisch bedingter Verarmung an der Grenze zum Tod leben. Sie haben Hunger, sie sind ohne Obdach, sie haben keine Schulen und keine Medizin für ihre Kinder, kein reines Wasser zu trinken, keine Arbeit – und sie wissen nicht, wie sie ihre Unterdrücker loswerden können. Die Handelsverträge und die internationalen Beziehungen werden von der ersten reichen Welt über die Armen verhängt, sie stürzen sie in täglich schlimmer werdendes Elend. Der Kampf ums Überleben zerstört das erfüllte Leben, den Schalom Gottes, von dem die Bibel spricht. Christus kam in die Welt, damit alle Leben in Fülle haben, aber die absolute Verarmung, die innerhalb einer technologisch entwickelten Welt ein Verbrechen ist, zerstört Menschen physisch, geistig, psychisch und auch religiös, weil sie die Hoffnung vergiftet und den Glauben zu einer Fratze, zu einer ohnmächtigen Apathie macht. Zwischen Christus, der die Fülle des Lebens für alle bedeutet, und den Verarmten schiebt sich die Ausbeutung als die Sünde der Reichen, die versuchen, das Versprechen Christi zu zerstören.“ Dorothee Sölle hat damit ausgesprochen, was viele ökumenisch und politisch ausgerichtete Christen in der Friedens- und Solidaritätsbewegung denken. Die Kirchenleitungen dagegen distanzieren sich von ihr und weisen darauf hin, dass Sölle auf Einladung des ÖRK und nicht als Vertreterin der EKD in Vancouver gesprochen hat. Der Titel ihres letzten Buches lautet: „Mystik und Widerstand“. Sie schreibt darin: Angesichts dieser Realität stellt sich nicht nur die Frage nach veränderten Formen des Widerstands, sondern auch nach neuen Kraftquellen und Motivationen. Dieses ist der Ansatz für die Verbindung von Mystik und Widerstand: Das „Nein zur Welt, wie sie jetzt ist!“ Das „Trotz alledem“ des jüdischen Glaubens das die Widerstandstradition beider Testamente begründet hat, ist die entscheidende Quelle ihrer Kraft und ihrer Inspiration. Diese Tradition ist das Besondere, das Christen und Juden in den Menschheitstraum von einem neuen Morgen einbringen können. Die andere Tradition ist die der widerständigen Mystik, die die Visionen Dorothee Sölles mit denen der Gottsucher, Wahrheitsfinder und Heimatsucher in vielen Völkern und Kulturen verbindet. „Wenn du nur Glück willst, willst du nicht Gott“, das ist Dorothees letzter Vortrag, gehalten am 25. April 2003 in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Wer nicht nur Glück will, sondern auch Gott, kommt nicht herum um die großen Klagen, Fragen und Anrufungen, die wir schon in den biblischen Texten finden. Die Gegenseitigkeit der Gottesbeziehung führt zuletzt wieder zu der Erkenntnis, dass Gott zum Heilwerden unsere Hilfe braucht wie wir seine. Am Ende steht immer noch der Tod; aber stark wie der Tod ist die Liebe: „Ich habe keine Angst vor Ihnen, Mr. Death. Was ich fürchte, ist das Alleingelassen-Werden, wenn mein Lache-und-Weine-Partner von mir fort muss. Manchmal vermute ich, dass Liebe – falls wir wissen, was wir mit diesem Wort sagen – das Einzige ist, wovor Sie Respekt haben. In diesem Sinne möchte ich Sie bitten, uns nicht zu trennen.“ Das ist am Ende Dorothees großer Wunsch, und er wird ihr erfüllt. Am Abend nach dem Vortrag sitzen beide in Bad Boll mit guten Freunden zusammen, trinken Wein und freuen sich an dem gemeinsamen Abend. Am frühen Morgen erleidet sie einen schweren Herzinfarkt und stirbt im Krankenhaus. Auf ihrem Grabstein stehen die Worte des Psalms 36: „In Deinem Licht sehen wir das Licht.“
(Rolf Polle)
Versuch einer kritischen Würdigung
Liebe Gemeinde,
Wir befassen uns heute mit dem Andenken an eine Frau, die es unternahm, all jenen wieder eine Stimme innerhalb der christlichen Kirchen zu verschaffen, die lange Zeit kaum oder gar nicht hörbar waren. Die Schwachen, Entrechteten, Geknechteten, Verlassenen und Verachteten gehören zur Gemeinschaft der Heiligen, mit mindestens so viel Recht wie alle übrigen. Das aus Sicht der Welt Illegitime gehört inmitten eines Christentums, das sich unter Gottes Wort gestellt weiß und also aufgerufen ist, sein Reich anbrechen zu lassen, nicht irgendwann in einer abstrakten Zeit jenseits der Zeit, sondern hier und jetzt, in Gerechtigkeit für alle. Man faßt D.Sölle wohl angemessen zusammen, wenn man ihr eben dieses Anliegen zuschreibt und sie entsprechend würdigt. Zugleich bleibt der Grundsatz bestehen, daß man diejenigen, mit deren Intentionen und Ansichten man sympathisiert, stets am unerbittlichsten kritisieren soll. Auch darum geht es mir heute. Wenn ich im Folgenden herausarbeite, wo Frau Sölle aus meiner Sicht nicht zu folgen ist, sei dieser Hintergrund stets mitgedacht. Um bei alledem gerecht zu bleiben, sollte idealerweise eine möglichst klare Abgrenzung etwa der gesellschaftspolitischen Ansichten Sölles gegen ihre Kritik an der Institution Kirche sowie insbesondere ihre theologischen Thesen beachtet werden. Wer die Autorin kennt, weiß jedoch, daß für sie solche Trennlinien insgesamt nicht galten: Der emanzipatorische Impuls, in dessen Zeichen ihr gesamtes Werk und Wirken steht, hat sowohl auf das (beiderseits belastete) Verhältnis zur Amtskirche, zur akademischen Theologie und namentlich auch auf ihr Gottesbild zurückgewirkt. Darin mag man ihr bleibendes Verdienst sehen; derselbe konsequent durchgetragene Querbezug scheint mir jedoch auch zu einem wahrnehmbaren Spannungsverhältnis zu christlicher Kernsubstanz zu führen.
Kann man an Gott glauben? Machen wir uns in aller Kürze klar, was aus christlicher Sicht mit der Bejahung dieser elementaren Frage verbunden ist und was daraus folgt. Im Christentum geht es um deutlich mehr als die Annahme, daß eine Gottheit (ein übernatürliches Wesen) existiert. Christen glauben an Gott in dem tieferen Sinne, daß sie darüberhinaus (dem „Inhalt“) seiner Offenbarung, seiner Heilszusage, glauben. Dies zu tun setzt wiederum die Möglichkeit eines personalen, von Vertrauen getragenen Verhältnisses zu Gott voraus. Dieses vertrauensvolle Leben aus der barmherzigen Liebe Gottes drückt sich bspw. auch in Neanders Hymnus Lobe den Herren (EG 317) aus, auf den Sölle sich ausdrücklich bezieht, um sich von einem „Kinderglauben“ abzugrenzen, der überdies nach Auschwitz vollends diskreditiert sei. Wo war, wo ist der gütige Herrscher; wo war Christus, als die Menschen in den Gaskammern ermordet wurden? - Niemand darf es sich mit dieser Frage leicht machen - etwas zu leicht, zu verkürzt ist vielleicht allerdings auch die heute recht populäre Vorstellung eines „mitleidenden“, letztlich mit jedem Opfer mitgestorbenen Gottes. Christus ist für uns in den Tod gegangen - aber nicht um den Tod sakral zu verklären, sondern um seine Macht zu brechen. Daran hängt alles, und selbst Sölles Hinweis auf die betend in den Tod gegangenen KZ-Häftlinge (Menschen jüdischen Glaubens) zeigt es indirekt auf. Ein letztlich dem Tod und dem Leiden doch machtlos gegenüberstehender Gott könnte keinen Halt und keinen Trost bieten, und von einem solchen Gott berichtet uns in der Tat die Bibel nicht. Nun ist das Theodizee-Problem - die Frage nach dem allmächtigen und allgütigen Gott im Angesicht von Leiden, Katastrophen und Verbrechen in der Welt - so alt wie der Glaube selbst. Die Bibel selbst schildert das Böse vielfältig, ohne zugleich jemals seinen Ursprung zu erklären: Die Schlange ist da, woher und warum auch immer. Der Gott insbesondere des AT rechtfertigt sich auch grundsätzlich nicht. Sein treuer Knecht Hiob etwa, dem alles genommen wird, erhält sinngemäß nur die Antwort: Wer bist du, Mensch, mit mir zu rechten?[1] - Dieses Verhältnis bezeichnet Sölle als „Herrschaftsimperialismus“, auf den ihre Theologie reagiert. Ihre Rede vom „Tod Gottes“ mündet nicht wie bspw. bei Nietzsche in die nihilistische Voraussetzung, das Leben als solches sei sinn- und wertlos, wohl aber in die Annahme, daß Gott selbst in unserer Welt nicht wirksam handelt, sich aus ihr zurückgezogen hat oder womöglich „aktivisch“ nie in ihr präsent gewesen ist. Genauer: Gott bedarf des Menschen, um sich in der Welt zu verwirklichen; um seinem schöpferischen und heilenden Willen manifeste Form zu geben. „Gott hat nur unsere Hände“, so heißt es in einem Text D. Sölles - eine gefährliche Prämisse, denn sie öffnet die Tür zu Vorstellungen, die aus christlicher Sicht problematisch zu nennen sind, insbesondere der Fantasie einer Selbsterlösung des Menschen - die dann auch in eine Selbstverdammung umschlagen kann. Scheitert etwa die Umsetzung befreiungstheologischer Anliegen, wer bzw. was scheitert dann: Menschen, die von Menschen vertretene Sache Gottes - oder gar, wörtlich zu nehmen, Gott selbst? Es scheint unabdingbar, solche Fragen klar entscheiden zu können, doch fließen vor der Folie des Sölle’schen Denkens die Kategorien - meist wohl gewollt - ineinander. Ob Gott dabei letztlich noch mehr sein „darf/kann“ als ein diffuser Urgrund der Sinnstiftung, der sich wesentlich über mystische Verschmelzung erschließen läßt, wäre zu erörtern.
Die hier angetroffene Problematik läßt sich lehrreich bei dem D.Sölle ausdrücklich verpflichteten F.Schorlemmer nachweisen. In einem Nachruf äußert er, von Sölle die „Theologie des Dativs” anstelle der „Theologie des Akkusativs” gelernt zu haben - das soll besagen: man glaubt jemandem, nicht aber an jemanden, noch weniger an bestimmte Inhalte oder Glaubensartikel. Eine solche Sprachregelung mag auf das interpersonale Verhältnis zwischen Menschen anwendbar sein, verfehlt jedoch, worum es bei der Gottesbeziehung eines Menschen geht. Gott zu glauben (Akkusativ) ist im christlichen Kontext immer schon gleichbedeutend mit dem Glauben, daß Gott die Quelle einer sich uns offenbarenden Wahrheit ist. Der Entschluß, Gottes Gebote zu halten, entspricht daher auch keinem willkürlichen Unterwerfungsgestus, sondern ist ein Akt der Vernunft. Paulus etwa (Röm 12, 1) spricht daher von unserem vernünftigen Gottesdienst. Glauben heißt damit insbesondere auch wissen, daß Gottes barmherzige Heilszusage gilt. Aufgrund derselben Logik wäre, im Umkehrschluß, jeder andere Glaube widervernünftig, also Aberglaube. Der Glaube hat keinen anderen Grund, an den er sich zurückbinden könnte, weder beispielsweise die Autorität, die Größe und Pracht der Kirche noch auch andererseits die Ausstrahlung einer bestimmten Persönlichkeit, die charismatisch und/oder authentisch wirken mag. Sich davon im Einzelfall beeindrucken zu lassen ist menschlich, hat aber mit dem Glauben selbst nichts zu tun. Es gibt und es gilt das lebendige Wort des lebendigen Gottes, sonst nichts. Dahinter steht der für das Christentum traditionell nicht erklärungsbedürftige Grundsatz, wonach es eine Vernunft und damit auch einen Willen gibt, der mich selbst übersteigt. Gott ist in Jesus Christus wahrer Mensch geworden, zugleich aber wahrer Gott geblieben. Die Menschheit hingegen ist nicht göttlich, weder individuell noch in ihrer Gesamtheit. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist in diesem Sinne immer „asymmetrisch“ und kann nichts anderes sein. Es geht immer noch um ein Vertrauensverhältnis: Vertrauen auf den, der größer, weiser, vernünftiger und gerechter ist als ich selbst. In ihrer Mystik des Todes drückt Sölle einen vergleichbaren Gedanken aus, wenn sie formuliert, Gottesvergessenheit und Selbstvergessenheit schlössen einander aus. Also: um Gott zu vertrauen, ist es notwendig, mich selbst zu relativieren und insbesondere meine eigenen Maßstäbe nicht mit denen Gottes gleichzusetzen. Kirche mag historisch - viel zu häufig - den Fehler begangen haben, aus diesem Zusammenhang Herrschaftsansprüche abzuleiten und fälschlich zu legitimieren. Solche Verstrickungen aber brauchen wir nicht fortzuschreiben, auch nicht unter genau umgekehrten Vorzeichen. Ich muß nicht verlangen, daß Gottes Gerechtigkeit und Gnade bruchlos mit dem zur Deckung zu bringen sind, das ich mir je unter Gerechtigkeit, Solidarität oder Würde vorstelle und erwarte. Nirgends steht weiterhin geschrieben, es sei Christen verboten, an der Welt zu verzweifeln, doch ist uns auch zugesagt, daß Christus die Welt überwunden hat (Joh 16, 33). Das soll uns ein Trost sein, kein Vertrösten. Gottes Gnade hält und erhält diese Welt, auch oft gegen jeden Anschein. Es ist eine christliche Kernaussage, die uns zugleich keinesfalls aus der Verantwortung für die Schöpfung und unsere Mitmenschen entläßt. Das Christentum ist weder als weltferne Innerlichkeitsmystik noch auch als weltanschaulich-politisch neutralisierte problemlose Lebenshilfereligion gewollt. Wir sollen jeden Tag von neuem Gutes tun und Wahres sagen: Verkündigung ist Diakonie und umgekehrt. Beides ist untrennbar und nicht gegeneinander auszuspielen. Dem Guten Raum zu schaffen und das Böse zurückzudrängen bedeutet gelebtes Christentum. Es bedeutet aber auch die Einsicht, daß, solange diese Welt besteht, es von diesem immer zuviel und von jenem niemals genug geben wird. Die Theologie D.Sölles erscheint wie ein Aufschrei gegen dieses Unrecht - ein Schrei, der gehört werden muß. Es geht um keine rebellische Pose, sondern um ein ernstes und ernstzunehmendes Leiden an den Zuständen. Authenzität wiederum (s.o.) beantwortet allein nicht alle Fragen, und so bleibt offen, ob Sölle dem Menschen, indem sie ihm viel zutraut, nicht auch zuviel zumutet. Bleiben nicht die Welt und die hier gelingende, dort scheiternde Gestaltung unseres Lebens in letzter Konsequenz deshalb überhaupt möglich und erträglich, weil eben nicht alles in Menschenhand liegt? Sölles kritischem Diskurs wohnt etwas durchaus Zwiespältiges inne, das man an eben jener drohenden Überhöhung des Menschen festmachen kann. Als die dunkle Seite dieser Selbstentgrenzung stellt sich mir der von der Autorin selbst vehement angegriffene technologische wie gesellschaftliche Machbarkeitswahn dar. Menschen wie Gesellschaften sind allemal imstande, sich an solche Optimierungskonzepte zu binden und zu verlieren. Wenn dann die „Hypothese Gott“ alsbald entbehrlich erscheint, ist das nur konsequent. Der Zweifel ist geäußert worden, ob es „nach Auschwitz“ noch gestattet sei, Gedichte zu verfassen[2]. Die Theologie D.Sölles läuft auf entsprechende Fragestellungen zu: Darf man, nach Auschwitz, noch an einen gütigen und weisen Gott glauben, wie ihn Neander verherrlicht? Ich behaupte, ohne dafür zwingendere Gründe als die schon genannten angeben zu können: man darf. Niemand muß es tun, aber es bleibt möglich und statthaft, und es sollte möglich sein, ohne dafür seinerseits verurteilt zu werden. - Darf man, nach Auschwitz, sich diesem Gott noch in Dankbarkeit zuwenden? Dieselbe Antwort. Häufig kann und wird es ein tief gebrochenes, der Verzweiflung nahestehendes Danke sein, aber diese trotzige, nämlich der Welt und ihrem Chaos abgetrotzte Dankbarkeit ist immer noch möglich und immer noch nicht absurd und immer noch nicht Ausdruck einer infantilen Neigung, sich einem Übervater zu unterwerfen. Auf diesen Weg kann und soll niemand verpflichtet werden. D.Sölles Weg war ein anderer, auf dem ihr dann wiederum viele nicht folgen konnten. Wege trennen sich, und bisweilen braucht man die Fähigkeit, das hinzunehmen - ohne die Unterschiede zu harmonisieren; ebenso ohne nach der Genugtuung des vermeintlich letzten Wortes greifen zu wollen.
(Klaus-Dieter Schultz)
Aus: Dorothee Sölle, Mystik des Todes
Mir sind diese Novembertage, die noch in unseren Kalendern stehen und Namen wie Volkstrauer, Buße, Gebet, Totensonntag haben, wichtig. Sie machen mich erinnern. Sie schicken mich, wenigstens innerlich, auf den Friedhof. Sie machen mir bewusst: Ich habe mir das Leben nicht selbst gegeben. In den Mantel meines Lebens ist hineingewoben all die Zuneigung und Zärtlichkeit der Menschen, die nicht mehr hier sind und an die ich mich erinnere. Ich muss nicht anfangen mit dem Leben und alles als Erste tun, ich muss auch nicht alles fertig bringen, was ich gern mit meinem Leben getan hätte. Ich kann fragmentarisch leben, wie das Leben meiner Toten Fragment gewesen ist. Sie lehren mich etwas, was ich nicht vergessen will, sie sagen mir, dass ich sterben werde. Jeder Mensch, der mir nahe ist und der vor mir stirbt, zieht einen Pflock heraus aus dem Zelt meines eigenen Lebens. Er löst mitr die Hand, die sich ins Leben krallen will. Meine Freundinnen und Freunde, meine Eltern und Geschwister, die gestorben sind, sagen mir: Was ich getan habe, wirst du auch tun müssen – sterben. Auf einem alten Grabstein fand ich den Spruch: Eram quod es. Ich war, was du bist lebendig. Eris, quod sum. Du wirst sein, was ich bin – tot. Sie sagen mir noch etwas anderes: Was ich gekonnt, habe, das wirst du auch können – sterben. Es ist eine schwere Arbeit, das Leben loszulassen, aber keine unmögliche. Sie vermindern meine Angst, die Toten. Und manchmal denke ich, die Toten wärmen uns. Vielleicht nimmt die Kälte in unserem Land auch deswegen zu, weil die Toten keine Stelle mehr haben und wir sie aus Angst vor dem eigenen Sterben aus dem Gedächtnis verbannen. Zur Humanität gehört die Erinnerung, genauso wie der Blick auf die, die nach uns kommen. Man kann den Menschen geradezu definieren als das Wesen, das die Namen seiner Großeltern weiß und für die Enkelkinder vorsorgt. Es gibt eine skrupellose Heutigkeit, die mit dem Vergessen der Toten zusammenhängt und ihre gnadenlosen Folgen für alle später Geborenen bereithält. Ohne Erinnerung sein heißt, keine Zukunft brauchen. Sterben lernt man, indem man zugibt, dass der Tote, der auf dem Grabstein spricht „Du wirst sein, was ich bin“, Recht hat. Diese Lektion sollte nicht am Ende des Lebens zur Kenntnis kommen, sondern mitten im Leben. Das haben die Religionen aller Völker gewusst und eingeübt, dass wir begrenzt und sterblich sind. Erinnere dich, vergiss nicht, ist eine der großen Aufforderungen im Judentum wie im Islam, Gott zu vergessen heißt, die Realität Tod, klein, alt schwach zu verleugnen. Wir werden nicht immer gebraucht, darin liegt die eigentliche Schwierigkeit des Altwerdens. Aber dieses Nicht-gebraucht-Werden muss nicht in Bitterkeit und Verzweiflung umschlagen. Es kann auch zu einer Art von Freiheit führen, in der ich freier, angstloser und humorvoller werde: Ich muss nicht das Ganze tragen, die Welt geht nicht unter, wenn ich untergehe, und ich lerne, Macht und Einfluss abzugeben. Wenn der Tod wirklich mehr ist als eine vermeidbare Panne, wenn er, wie Franziskus von Assisis meinte, unsere Schwester ist, mit uns geboren und uns begleitend wie unser Schatten, dann entsteht aus seiner Annahme eine andere Art von Gewaltlosigkeit im Umgang mit den andern und der Schöpfung. Nicht wir garantieren das Leben, dieses wunderbare, sich erneuernde, unbeherrschbare, uns geliehene Leben. Das ist nicht nur eine philosophische Erkenntnis. Es hängt mit dem Glauben an einen anderen Garanten des Lebens zusammen. Ich will ein persönliches Beispiel für eine solche Art, mit dem Tod zu leben, erzählen. Ich bin in der Phase des Älterwerdens und höre den Meister manchmal anklopfen. 1994 habe ich eine schwere Krankheit durchgemacht. Danach hat sich mein Verhältnis zu meinen erwachsenen Kindern verändert. Ich merkte, dass sie öfter als früher über mich lächelten, nicht boshaft und nicht ungeduldig. Eher etwas erstaunt. Sie brauchten mich jetzt weniger als früher, daran hatte ich mich schon gewöhnt. Die Veränderung, die ich heiter notierte, ist ein langsames Kleinerwerden. Langsam übernahmen die Kinder die Erziehung ihrer schwer belehrbaren Muter. Als wären die Alten, zu denen ich nun gehöre, die Kinder der Jungen geworden.
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