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Predigt für den Reformationstag, 31. Oktober 2010

Predigttext: Römer 3, 21-28

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt

 

Liebe Gemeinde!

Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther - so sagt es die Überlieferung - 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg an und rief zur Diskussion darüber auf. Dieser Thesenanschlag gilt als die Geburtsstunde der Reformation - daran erinnert der Reformationstag, den die evangelische Kirche jährlich am 31. Oktober feiert.

Martin Luther lebte viele Jahre als Mönch. Gegen den Willen seines Vaters wählte er diesen Weg, weil er sich dazu von Gott berufen glaubte. Alle Regeln hielt er streng ein und hatte doch dauernd Angst vor dem göttlichen Gericht. Trotz großer Anstrengung kam Martin Luther nie dahin, dass er mit sich zufrieden war. Nie war es genug, was er tat, immer fand er etwas, das nicht richtig war. Die Angst vor dem göttlichen Gericht ging so weit, dass er nicht mehr an Vergebung glauben konnte, dass Gottes Gnade in unerreichbare Ferne rückte.

In Wittenberg wurde Martin Luther Theologieprofessor. Dort machte er eine großartige Entdeckung, die als sein „Turmerlebnis“ in die Geschichte eingegangen ist. Tag und Nacht machte sich Martin in seinem Studierzimmer im Turm des Klosters Gedanken über Gott. Ganz besonders trieb ihn die Frage um: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ oder anders gesagt: Was muss ich tun, um Gott zu gefallen? Wie kann ich mit all meinen Fehlern vor Gott bestehen? Eines Tages las Martin diesen Text des Apostels Paulus aus seinem Brief an die Gemeinde Roms:

Ich rede von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist…. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

 

Martin Luther fiel es wie Schuppen von den Augen: Gerechtigkeit kommt allein durch den Glauben! Wir dürfen uns Gottes Liebe und Barmherzigkeit anvertrauen und müssen sie uns nicht durch eigene Taten verdienen. Der Mensch wird vor Gott gerecht nicht durch die Werke des Gesetzes sondern allein aus Gottes Gnade. Gottes Liebe und Anerkennung können wir uns nicht erarbeiten, sie wird uns geschenkt. Gottes Gnade geht unserem Bemühen immer voraus. Die guten Werke, die ein Mensch tut in allen Ehren. Aber Gottes Gnade kann sich damit niemand verdienen.

Die Worte aus dem Römerbrief trafen Martin Luther im Innersten und befreiten ihn von diesem zerstörerischen Kämpfen um die göttliche Anerkennung. Die erlösende Erkenntnis ist, dass Gott längst das Entscheidende getan hat. Martin war es auf einmal, als sei "die Pforte des Paradieses aufgetan". Diese Tür steht auch für uns Heutige offen! Darauf weist uns besonders der Reformationstag am 31. Oktober. Oft sehen wir aber diese offene Paradiestür nicht…

Ich erwähne nun eine rein menschliche Erfahrung, die einigen unter uns nicht ganz fremd sein dürfte: Es muss einfach schrecklich, ja unerträglich sein, permanent das Gefühl zu haben, den Erwartungen des Vaters, der Mutter nicht zu entsprechen. Viele Biographien von bekannten und weniger bekannten Menschen sind davon geprägt gewesen, viele Menschenleben sind an solchen Ansprüchen kläglich gescheitert. Das, was Vater oder Mutter von mir erwarten, das kann ich nicht bringen, egal, wie sehr ich mich darum bemühe. Ich bin nicht gut genug, ich leiste nicht genug, ich bin es nicht wert, geliebt zu werden…

Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung, Liebe: Können sie jemals nach Leistung gemessen und ausgeteilt werden? Seht hier Fabian und Jonna, die soeben getauft wurden: Diese beiden Kinder wurden von Anfang an von ihren Eltern geliebt. Einfach so, erstmal nur fürs Dasein. Mit ihrem ersten Atemzug haben sie schon das Leben der Eltern und der ganzen Familie bereichert. Da ist Liebe im Spiel, Liebe ohne Voraussetzung, ohne Eignungstest.

So ist auch Gottes Liebe. Bedingungslos und verschwenderisch. Aus Gnade allein. Nicht ich muss einen gnädigen Gott bekommen, mit meinem Tun und Lassen. Ich bin einfach da und darf die Liebe empfangen, die mir geschenkt wird. Das findet einen wunderbaren Ausdruck in der Taufe der Kinder, die ebenfalls ein Geschenk Gottes ist, ganz uns zugute.

Das Herz der Reformation ist das Evangelium von der Rechtfertigung der Sünder aus Gnade. Im Grunde ist das, was da beschrieben wird, eine ganz unmögliche Sache. Kein Gericht der Welt könnte so Recht sprechen.

Wenn es keinen Unterschied macht, ob jemand Täter ist oder Opfer, was ist das dann für eine Gerechtigkeit?

Wenn die Guten nicht mehr belohnt und die Bösen nicht mehr bestraft werden, wenn Leistung nicht mehr belohnt wird, was ist dann überhaupt wichtig?

Aber Gottes Gerechtigkeit ist so. Vor dem obersten Gericht, der letzten Instanz, die letztlich über unser aller Leben entscheidet, wird auf andere Weise Recht gesprochen als wir es sonst kennen. Die Rechtfertigung aus Gottes Gnade ist die Antwort auf die Frage, wie ein Mensch letztlich vor Gott bestehen kann, wie ein Mensch Gnade finden kann vor Gottes Augen.

Wenn uns schlimme Schicksalsschläge ereilen, fragen wir uns manchmal: "Womit habe ich das verdient?" Wohlverhalten wird verknüpft mit Belohnung und Gesundheit. Krankheit, Behinderung, Verlust werden dann als Strafe für irgendeine böse Tat erlebt. Doch diese Frage führt nicht weiter. Gott ist nicht dazu da, um unsere Anständigkeit zu belohnen. Gesundheit, Unversehrtheit ist ein Geschenk und kein Verdienst. Allein aus Gnade. Sola gratia!

Wir Menschen sind von Anfang an Angewiesene. Zu einem vollen Leben gehört immer auch  Bedürftigkeit, Schwachheit, Sehnsucht, Verlangen und Wünschen. Über all das spricht Gott sein JA. Jesus hat dieses göttliche JA durch sein Leben, Sterben und Auferstehen bekräftigt. Er hat alle Menschen eingeladen, zu Gott zu gehören, so wie wir es vorhin gehört haben: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker…“ Ganz ohne Eignungstest und Punktesystem…

Für den Theologen Paul Tillich konzentriert sich die ganze Rechtfertigungsbotschaft des Paulus und der Reformation auf das eine Wort „JA“. Seine Worte möchte ich uns und vor allem den beiden Kleinen mit auf den Weg geben:

Du bist dennoch bejaht, bejaht durch das, was größer ist als du. Frage jetzt nicht nach dem Namen, vielleicht wirst du ihn später finden. Versuche jetzt nicht, etwas zu tun, vielleicht wirst du später viel tun. Trachte nach nichts, versuche nichts, beabsichtige nichts. Nimm nur dies an, dass du bejaht bist. Wenn uns das geschieht, dann erfahren wir Gnade. Nach einer solchen Erfahrung werden wir nicht besser sein als zuvor und keinen größeren Glauben haben als zuvor. Aber alles ist verwandelt. In diesem Augenblick überwindet die Gnade die Sünde, und die Versöhnung überbrückt den Abgrund der Entfremdung. Diese Erfahrung fordert nichts; sie bedarf keiner Voraussetzung, weder einer religiösen, noch einer moralischen, noch einer intellektuellen; sie bedarf nichts, als nur das Annehmen“.

Amen

von Pastorin Rossella Casonato